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Artgerechte Schweinehaltung in Theorie und Praxis

AbL-Herbsttagung eröffnet Perspektiven

Es schrecke sie nicht, wenn 875 Schweine durch sieben Räume ihrer Stallanlage durcheinander wuseln, sagt sie und man glaubt es ihr sofort. Gabi Mörixmann strahlt so viel Schwung und Engagement und Liebe zu Schweinen aus, dass man ihr auch abnehmen würde wenn sie behauptete jedes Tier persönlich zu kennen. Das tut sie natürlich nicht denn schließlich hat sie bei aller Empathie einen rationalen Blick auf die Tiere. Auch deshalb ist es zu ihrem ungewöhnlichen Stallkonzept gekommen. Mörixmann stammt von dem Betrieb im Osnabrücker Land mit drei konventionellen Vollspaltenmastställen. Ihre Eltern gingen nach dem Ende der DDR nach Mecklenburg und bauten dort eine Bio-Sauenhaltung auf, die Mörixmanns Schwester heute bewirtschaftet. Sie, Gabi, kam der Liebe wegen zurück nach Niedersachsen auf den elterlichen Betrieb, wollte aber keinen konventionellen Stall mehr. „Für Bio hatte ich keine Möglichkeit Ausläufe anzubauen, für das Tierwohllabel keine Vermarktung“, umreißt sie die von ihr durchgespielten Optionen angesichts 30 Jahre alter, zwangsbelüfteter eng nebeneinander stehender Hallen.

Keine Langeweile


Sie will etwas verändern, den Tieren eine andere Haltung bieten, weil sie Schweine anguckt und sieht, dass sie neugierig sind immer wieder Beschäftigung suchen. Buchten abzuteilen und in jede einen Holzbalken zum Knabbern zu stellen langweilt Gabi Mörixmann und sie geht davon aus, dass es den Schweinen genauso geht. Deshalb hat ihre Idee etwas von einem Freizeitpark für Schweine in dem sich alle frei bewegen können, neben den alten Vollspaltenhallen gibt es zwei kleinere eingestreute Wühlbereiche – einer beinhaltet zusätzlich noch Bälle – und eine große eingestreute Wühlhalle. Knapp die Hälfte des Areals ist planbefestigt, in einem Bereich auf Spalten sind Duschen und Tränkewannen, die - berichtet Mörixmann strahlend – von den Schweinen auch gerne als Badewannen genutzt würden. Es gibt die sogenannte Terrasse, einen kleinen Gang draußen entlang einer Stallwand für Außenklimareize. Drinnen lüftet die alte Lüftung obwohl ihr alle Berater damals gesagt hätten es funktioniere nicht. 40 Prozent weniger Schweine laufen dort auf einer Fläche von 4.500 Quadratmetern, ab dem nächsten Durchgang Anfang Dezember dann auch mit Ringelschwanz. Sie möchte möchte die niedersächsische Ringelschwanzprämie von 16,50 pro Tier mit intaktem Schwanz mitnehmen, muss sie sich zwar Ferkelerzeuger teilen, trotzdem hilft das, weil sie immer noch nicht alle Schweine höherpreisig vermarktet bekommt. „Und bei 1,33 Euro pro Kilo Schlachgewicht wird die Luft für mich ganz dünn“, sagt sie realistisch. Zwar ist sie in der Initiative Tierwohl aufgenommen, dass reicht aber finanziell nicht, um mehr Platz, 150 große Stroh- und 1.200 kleine Heu- und Strohballen und die Arbeit trotz moderner Sortierschleuse („Nie mehr ohne, damit kann ich 140 Schweine alleine ausstallen“) trotz guten biologischen Leistungen und geringeren Tierarztkosten zu bezahlen. Sie arbeitet an der Vermarktung, bislang nimmt ein regionaler Supermarkt und eine Wurstfabrik den größeren Teil der Tiere aber eben nicht alle für 15 Cent mehr pro Kilo Schlachtgewicht. Es ist erst ein Anfang, Gabi Mörixmann macht nicht den Eindruck, als könne sie irgendwas stoppen.

Kinderstube in Echem


Das ihre Idee einer besseren Tierhaltung bei Verbrauchern und Verbraucherinnen gut ankommt, hatten auf der Herbsttagung der AbL-Niedersachsen schon Mörixmanns Vorredner klar gemacht. Jan Hempler, Berater für ökologische Tierhaltung bei der Landwirtschaftskammer, eröffnete seine Ausführungen zur Auslaufhaltung von Schweinen mit einer Nestle-Studie, die „artgerechte Tierhaltung“ als vordringlichsten Wunsch in Verbraucherumfragen noch vor Bio oder regional bei einer großen Mehrheit von sehr qualitätsbewußten, wie auch immer noch bei der Hälfte aller Befragten ermittelte. Hempler machte keinen Hehl daraus, dass artgerechte Schweineställe, die für ihn immer mit einem Auslauf und Eintreu verbunden sind mehr Arbeit, aber, auch das ist seine Erfahrung oft den Bauern und Bäuerinnen mehr Spaß machen. Man müsse klar haben, dass Ställe mit Auslauf im Biobereich nicht nur Richtlinie seien, sondern es darum gehe, den Tieren arteigenes Verhalten zu ermöglichen, so der Berater. Diese Prämisse ist ebenfalls Leitlinie für all die anderen Bedingungen, die an artgerechte Schweineställe gestellt werden müssen. Die Trennung der Funktionsbereiche, klimatisch, durch Stufen, Einstreu, optische Unterschiede, die Anordnung der Tränken und Futtertröge ist, so Hemplers Überzeugung, essentiell, damit Schweine sich wohlfühlen. Praktisch umsetzen konnte maßgeblich er das nun auch am Landwirtscahftlichen Bildungszentrum (LBZ) in Echem in einem ökologischen Sauen-und Maststall. Der Komplex steht dort neben verschiedenen konventionellen Schweine-Aufstallungsvarianten und muss somit von allen landwirtschaftlichen Auszubildenden in Niedersachsen im Rahmen eines überbetrieblichen Lehrgangs durchlaufen werden. Das ist schon mal was im konservativen Agrarland Niedersachsen. Aber „Empathie fürs Tier können wir nicht lehren“, macht Martina Wojahn, Geschäftsführerin des LBZ auch die Grenzen klar. Eine Menge Lehrlinge gerade aus den klassischen Veredelungsregionen kämen schon mit einer sehr festgelegten Prioritätensetzung auf ökonomische Leistung und Arbeitserledigung. „Die Kinderstube ist entscheidend“, mit dieser Erkenntnis allerdings in Bezug auf die Problematik des Schwanzbeißens kam Thomas Dosch, Abteilungsleiter im grünen Landwirtschaftsministerium des konservativen Agrarlandes Niedersachsen von einer Norwegenexkursion zurück. Dort gebe es die größten Unterschiede zur deutschen Schweinehaltung in der Haltung der Ferkel mit mehr Platz, Beschäftigung und weniger Stress. Dort werde offenbar der Grundstein mindestens zu weniger Schwanzbeißen gelegt, in Norwegen sind die Ringelschwänze die Regel, nicht die Ausnahme wie bei uns. Damit es auch hier so wird, setzt – die Urheberschaft war Dosch wichtig zu betonen – das grüne Landwirstschaftsministerium, verknüpft mit eigenen Akzenten wie die Ringelschwanzprämie, nun eigentlich nur um, was EU und schwarze Vorgänger einfordern und vorgegeben haben. Es braucht wohl mehr und länger als eine Legislaturperiode um Kinderstuben und Köpfe zu erreichen.

Claudia Schievelbein - Unabhängige Bauernstimme