Widerstand und Selbsthilfe - Mit eigener Vermarktung aus der Niedrigpreisfalle

Milch und Fleisch gesund, vernünftig und in Maßen produziert – Bauern suchen nach Auswegen aus der Niedrig-Preis-Falle

 

REHDEN ? Die Frühjahrstagung der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Niedersachsen/Bremen zeigte es deutlich: Der Bauer ist sauer. Schweinepreise im Keller, Böden mit Burnout, Milch billiger als Wasser und viele Betriebe mit dem Rücken zur Wand. Die Fragen, die aus der Misere resultieren, galt es in der alten bald wieder eröffneten Dorfmolkerei in Rehden zu diskutieren. Der Ort war gut gewählt, denn den Weg, den Landwirt Wolfgang Johanning aus Rehden mit 120 Milchkühen gehen will ab Ende April ist ein realer Lösungsansatz aus dem Hamsterrad der bäuerlichen Existenzen, die sich zum reinen Rohstofflieferanten degradiert fühlen für die großen Lebensmittelkonzerne. Johanning hatte sich entschlossen, die Milch seiner Kühe in der eigenen Molkerei zu verarbeiten, einen Hofladen und eine kleine Verköstigungsecke zu etablieren. Der Standort ließ lächeln: Direkt gegenüber der alten Molkerei, die seit Mitte der 1970 Jahre leer stand, hat Aldi gesiedelt. „Eigentlich machen wir nun wieder das, was vor hundert Jahren hier produziert wurde“, so Johanning. Mit seinem Mut und der Investition in Zukunft und seine Familie setzt er schon länger auf regionale Lebensmittelerzeugung mit Milchtankstelle und der Freiheit aus der eigenen Rohmilch, Milchprodukte wie Joghurt, Käse und Quark herzustellen und zu vermarkten. Er verzichtet dabei auf gen-verändertes Futter, baut Futter selbst an. Mit dem neuen Standbein sind drei Arbeitsplätze entstanden: Johanning stellte einen Betriebsleiter, eine Molkereilaborantin und eine Marketingfachfrau ein. Ziele sind die Verarbeitung der zuerst der eigenen Milch und die Direktvermarktung. Ein nicht risikoarmes Unterfangen, aber die Flucht nach vorn vor dem Teufelskreis der Milchpulverproduktion und dem Reglement der Molkereien, die auf den globalen Markt samt seiner Risiken setzen. In dem Kontext hatte die AbL Lena Martens mit ihrer mobilen Käserei aus Stade eingeladen, um eine Möglichkeit der Produktion und Selbstvermarktung aufzuzeigen. und Vom Verband der Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung (vlhf) stellte Dr. Andrea Fink-Keßler die kleine Alternative zum großen Schlachthof, sprich Weideschlachtung, vors.  Lena Martens hatte vor der Selbständigkeit mit der mobilen Käserei in einer Hofkäserei gearbeitet. Sie fährt jetzt im Radius von 200 Kilometern Höfe mit 30 bis 300 Kühen an, produziert aus kuhwarmer Milch Schnitt- und Bergkäse, kann bis zu 2000 Liter Milch am Tag zu rund 200 Kilogramm Käse verarbeiten. „Die Nachfrage ist so groß, dass ich manchmal schon absagen muss“, sagte die Fachfrau, die den Käse zum Reifen mit nach Stade nimmt und wieder mit zurückbringt beim nächsten Käsen. In Niedersachsen gibt es derzeit zwei und Deutschlandweit sieben mobile Käsereien. Die Frage aus der Runde „Was sage ich meiner Molkerei, wenn ich weniger liefere, weil ich selbst verarbeiten will?“, zeigte das schlechte Verhältnis von Molkereien zu Landwirten. AbL-Vorsitzender Ottmar Ilchmann fasste zusammen: „Der Wegfall der Milchquote führte direkt in das Preisdesaster. Die Produktion ist hochgejagt, die Molkereien haben die Kapazitäten zur Herstellung von Milchpulver erhöht  und drängen damit auf den Weltmarkt. Das hat globale Folgen für Mensch, Tiere und Umwelt“. Alle Appelle an freiwilliger Mengenreduktion seien gescheitert. Trotz alle dem sähe er derzeit die Nachfrage nach Weidemilch von Seiten des Handels. „Hier müssen wir schnell handeln, sonst sehen wir bald nur noch süddeutsche Produkte in den Regalen“. Eberhard Prunzel-Ulrich, Vorsitzender der niedersächsischen Direktvermarkter appellierte für die regionale und Direktvermarktung, der Trend bei den Verbrauchern signalisiere immer mehr Interesse an den Produkten. Wie das bereits erfolgreich gelingt, zeigte Anika Behrens vom Hof Sandering in Ihlbrock, der seine Rohmilchkäse bereits in fünf Geschäften von Drebber bis Rahden und in einem Regiomaten veräußert. „Wir kommen mit der Produktion nicht nach“, unterstrich sie die Nachfrage. Unter den Weiterverkäufern sind Edeka, ein Naturkost, Hofladen und Biohof. „Wichtig ist Eure Internetseite, facebook und Bilder, wie Ihr arbeitet und produziert“, ihr Tipp. Zurück zu den Wurzeln auch beim Thema Schlachten im Haltungsbetrieb oder auf der Weide: Dazu informierte Dr. Andrea Fink-Keßler aus Kassel. Das Warum beantwortete sie mit Tierschutz, Arbeitsschutz, Fleischqualität, die von prämortaler Behandlung abhinge, höhere Wertschöpfung in der Direktvermarktung und einem neuen Marktsegment für Wiederverkäufer. Viele neue Informationen konnten aber die bangen Gesichter vor dem Sprung ins kalte Wasser der Direktvermarktung noch nicht ganz ausräumen. „Wir sind doch Landwirte, keine Verkäufer“, wenn es nach Prunzel-Ulrich geht, viele davon eben doch. sbb